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elche sind das neue sylt

Bologna im Selbstversuch

Flexibilität ist gefordert. Leistung natürlich. Und Schnelligkeit sowieso. Diplomiert wird nicht mehr an deutschen Universitäten, man wird jetzt Bachelor. Und Master. Master of Arts of Sciences of Law of Education of Hell. Auf Englisch klingt alles ein bisschen wichtiger.

Nun ist das alles nichts furchtbar Neues. Neu ist, dass ich das ganze nun im Selbstversuch durchlaufe. Ich werde demnächst Masterbewerbungen raushauen. Oder doch nicht?

Man kann das natürlich so machen: Man stellt sich eine Liste aller möglichen und unmöglichen Masterstudiengänge zusammen und arbeitet diese dann ab. Bewerbung um Bewerbung. Formular um Formular. Ach Moment, so einfach ist das ja gar nicht. Uni X möchte gern einen TOEFL-Nachweis, Uni Y ein Motivationsschreiben und bei Uni Z ist die Bewerbungsfrist schon abgelaufen. Wie war das mit der geplanten Vereinfachung der Mobilität?

Und während ich so darüber nachdenke, fällt mir auf, wie kurz mir mein bisheriges Studium vorkommt. Eigentlich bin ich doch gerade erst in der Stadt angekommen, eigentlich habe ich mich doch gerade erst zurechtgefunden, eigentlich hab ich doch gerade erst angefangen. Und nun ich bin schon wieder fertig? Ich soll mich schon wieder bewerben?

Der Bologna-Prozess ist am Laufen, aber es knirscht. Flexible Studenten möchte man haben, immer mobil und nach dem Bachelor bereit für das wilde Arbeitsleben da draußen. Merkwürdig, dass immer weniger Studenten ins Ausland gehen, dass sich die meisten Studenten nach einem Bachelorabschluss noch nicht berufen fühlen, sich auf dem Arbeitsmarkt feilzubieten und lieber doch noch einen Master dranhängen, dass viele Arbeitgeber Diplomabsolventen bevorzugen.

Nun war ich sogar ein Semester im Ausland und bereue den Schritt auch nicht, aber durch solche Auslandsaufenthalte zerpflückt sich eine ohnehin kurze Studiendauer noch ein bisschen mehr. Ein oder zwei Praktika tun ein Übriges. Flexibilität, Leistung, Schnelligkeit. Aber sind das eigentlich die einzigen Qualitätsmerkmale?

Sechs Semester sind ein Witz für ein ganzes Studium. Credit Points sammeln ist das worauf es ankommt. Inhalte sind nicht so wichtig, das was in der ersten Sitzung eines Seminars am leidenschaftlichsten diskutiert wird, sind die zu erbringenden Prüfungsleistungen. Nach sechs Semestern hat man einen guten Überblick über die Möglichkeiten, die einem das komplexe Studienfach bieten kann – wenn es denn weiter gehen würde. Deshalb wird der Master Standard werden. Wenn er es nicht eh schon ist.

Darum werde wahrscheinlich auch ich einen Master machen. Aber muss das sofort sein? Vielleicht doch erstmal ein Jahr etwas anderes. Ein nettes Praktikum vielleicht? Bewerben kann man sich ja mal. Oder? Die Ruhe bewahren und sein eigenes Ding machen sieht Bologna ja nicht vor.

Sechs Semester reichen gut aus, um sich in einer neuen Stadt einzuleben und soziale Kreise aufzubauen. Sich zu sehr wohlfühlen lohnt aber nicht, es geht ja bald weiter. Das System verlangt es schließlich so. Flexibilität, Leistung, Schnelligkeit, die neuen Bildungsideale.

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One Response

  1. Lena sagt:

    du sprichst mir aus der seele darling

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